DAS MESSER DER JAHRE

Letzebuerger Journal
Freitag, den 3. August 2007

Für Sie gelesen:
Serge Ehrensperger: „Das Messer der Jahre“. Erzählungen

Auf kaum einen Schweizer Schriftsteller paßt der Fanzosen Spruchweisheit „Nul n’est prophète en son pays“ eher als auf den Winterthurer Autor von Romanen und neuerdings auch unkonventionellen Sonetten Serge Ehrensperger. Vor 48 Jahren ist er mit seiner „Prinzessin in Formalin“, 1996 aber auch mit seiner sexuellen, vielleicht sogar suggestiv temperierten Autobiographie „So weit wie Casanova“ haarscharf an einem literarischen Skandal, nicht bloß in der heimatlichen Schweiz, vorbeigeschrammt. Der erotomane Erzähler Ehrensperger scherte sich nicht darum, Aufsehen zu erregen, im Gegenteil, er hat tapfer und eigensinnig die Provokation gesucht. Freilich haben zu der Zeit, als er debutierte, in Europa allenfalls die Henry Miller, Anais Nin oder Vladimir Nabokov die literarische Sexszene beherrscht, doch Ehrensperger leistete mit „Prinzessin in Formalin“ zweifellos den extremsten und literarisch bedeutendsten Beitrag in deutscher Sprache. Heute ist die Liberalisierung zu weit fortgeschritten, als daß ein Schriftsteller mit Fleischbeschau noch für Eklat zu sorgen vermag.
Serge Ehrensperger (Jahrgang 1935) läßt sich nicht entmutigen. Er kommt, wenn auch nicht mehr mit ausgewachsenen Epen, immer wieder „en charge“. So auch mit den kurzfristig in zweiter Auflage im Zürcher Wolfbach Verlag erschienenen Erzählungen „Das Messer der Jahre“, die man etwas salopp als Späne bezeichnen darf, die bei der Arbeit an den großen Romanen, u. a. auch an „Francos langes Sterben“ abgefallen sind. Überhaupt spielen die 17 nicht immer zu echten Erzählungen gediehenen Texte in „Das Messer der Jahre“ das auch (neben-)beruflich recht bewegte Leben des Autors, dessen Umtriebigkeit den engen heimatlichen Schweizer Rahmen immer wieder herausfordernd sprengt.
Einem buchstäblich wunderbar phantasmierenden Autor darf Gerechtigkeit widerfahren mit der Feststellung, die Erzählungen in „Das Messer der Jahre“ seien zwar alles wie keine leichte, entspannende Lektüre. Wer sich jedoch in die vielfach skabröse, phantastisch-realistische Welt des Serge Ehrensperger einlesen will, wer auch nur ein bisschen Feeling für dichte erzählerische Qualität besitzt, dem werden diese 17 Prosatexte einen Vorgeschmack auf die „Prinzessin“ und den „Casanova“ liefern und brillant beweisen, daß die zeitgenössische Schweizer Literatur in deutscher Sprache längst nicht mehr auf Frisch, Dürrenmatt und etwa noch Adolf Muschg eingeengt werden darf.

Michel Raus Luxemburg