4 SONETTE AN DEN ORKUS
(Der Titel liest sich als letzte Zeile des Gedichts)

aber wer zu Gott hinübersetzen will.

Einst dachte man, ein Gott müsse sein.
Deshalb schlug man sich die
Fresse ein. Bis der Teufel kam und stellte
Gott ein Bein: Er pflanzte den

Philosophen mit einer gewissen Eitelkeit
die Gewißheit ein, es gebe einen
Gott nicht mehr. Noch mehr als vorher
vermißten sie ihn sehr und schrien.

Ihre Existenz mußte ihn ersetzen.
Sie zeigten es gern, wo er sie verletzen
konnte und wie, weil er ging.

Doch heute, ihr Leute, ist nicht mehr
viel von diesem Spiel auf dem
Boulevard; dafür kann sich vernetzen,

 

Dresden zu löschen.

In Dresden hab ich die Stadt
nicht gefunden. Ich glaube sie ist
verschwunden, in Schutt und Rauch.
Und Dresden auch. Denn die Buden

und die Baracken, die sie auf den
Schlacken aufstellten, sie gellen
zum Himmel und in die Erde. Daß
Dresden wieder werde? Oder nicht

wieder werde? Daß man die Lücken
vergesse, ohne etwas in sie hinein
zu drücken. Die Mücken, die keine

Leichen mehr fanden, nur Schall und
Rauch und gelegentlich ein Stück
Schlauch, um den Durst nach

 

die Stereometrie des Orkus aus.

Im Zirkus steigt Franz Kafka auf das
Seil. Er wirft nach Schlangen mit
dem Beil. Er kennt den Salto auf dem
weißen Pferd, den dreifachen Looping

über dem Papier. Vier Schwünge wie
ein Käfer an der Decke. Da bleibt er
auf der Strecke an einem Bein. Ein
Elefant reicht ihm den Rüssel . Er füttert

ihn aus seiner Schüssel. Er führt ihn
vor das Publikum, das stampft und lacht,
als Lola ihm die lange Nase macht. Gut

Nacht, sagt Franz und steht herum im
Zelt. Er hält es für die Unterwelt. Er
balanciert mit seinen Federschwüngen

 

einen Oskar zu fassen.

Schnee bis in die Nibelungen
hindert König Artus` Tafelrunde,
den Zarewitsch zu befreien.
Die Windsor sind die Sponsoren

der Kapetinger, wenn sie alle
Sekundogenituren umbringen, um
sich zu zwingen, Premier Cru
zu bleiben. Rosenkreuzer schnäuzen

im Krieg der roten Hosen gegen die
losen Buben in Straßenkreuzern
vorüber, vornüber ins Übel der

neuen Aristokraten, die als
Autokraten sich auf Autorennen
einlassen, wenn es gilt,

 

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Copyright: 168 Sonette an den Orkus.
Gedichte zur Zeitenwende, hsg. von Heinz Ludwig Arnold, Lyrikausgabe 2000.
Buch & Medi@ GmbH, München 2001.
Nachwort von Michel Raus.

Hörproben:

Sonnette & Notturni, 3 vertonte Sonette.

Günter Marx: Komposition / Geige / Elektronik
Ursula Wick: Stimme